München (epd). Ukraine-Krieg, Staatsleistungen, Missbrauch: Das waren die drei Schwerpunktthemen beim eineinhalbstündige Jahrespressegespräch des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx am Montag im Presseclub am Marienplatz. Marx sprach zunächst über Spannungen und Spaltungskräfte in der liberalen Gesellschaft sowie allgemein über den innerkatholischen Reformprozess Synodaler Weg - ehe es ans Eingemachte ging. Dabei warb der Kardinal auch für eine "saubere" Berichterstattung bei heiklen Themen.
Natürlich könne man jetzt beim Thema Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen fordern, diese sollten doch einfach auf das Geld verzichten, sagte Marx sichtlich genervt: "Vielleicht kriegen sie dafür ein Lob von ihren Lesern, wenn sie da draufhauen - aber sauber ist es nicht." Die derzeit fälligen Staatsleistungen seien eine Folge der Säkularisation im Jahr 1803 und in der Weimarer Reichsverfassung festgeschrieben worden: "Das Thema wird in der öffentlichen Wahrnehmung verdreht. Wir wollen kein zusätzliches Geld vom Staat."
Die Kirchen seien "sehr dafür", dass das Thema Staatsleistungen final gelöst wird. Jetzt aber "die Melodie der 'gierigen Kirchen' anzustimmen", die noch mehr Geld vom Staat wollten, sei schlichtweg falsch und unfair. Man müsse "schon genau schauen", was den Kirchen 1803 weggenommen wurde - etwa zahlreiche Ackerflächen, die über Jahrhunderte die wirtschaftliche Grundlage der Kirche waren und die sie seit 1803 nicht mehr nutzen konnte. Die aktuellen Staatsleistungen seien dafür ein jährlicher Ausgleich, aber keine endgültige Ablösung.
Auch beim Thema Missbrauch wurde der Münchner Kardinal energisch und wies die Kritik des bayerischen Justizministers Georg Eisenreich (CSU) zur Präventions- und Aufklärungsarbeit der Kirchen zurück. Er sei über dessen Aussage "erstaunt" gewesen. Eisenreich hatte vergangene Woche für eine unabhängige Ombudsstelle für Betroffene von Missbrauch in der Kirche ausgesprochen. Eine solche bayerische Stelle könnte Opfer begleiten und beraten, sagte Eisenreich. Dies sei auch wichtig, "weil die Kirchen dabei zum Teil noch nicht so gut sind".
Genau diese Bewertung störte Marx sichtlich. Ihm sei kein anderer gesellschaftlicher Bereich bekannt außer der Kirche, "wo auch nur annähernd das unternommen wurde, was wir unternommen haben", erläuterte Marx: "Zu sagen, die Kirche kann’s nicht, die Kirche macht nichts, das ist einfach unglaublich." Er sei sehr dafür, wenn sich der Staat bei dem Thema mehr engagieren will. "Das muss dann für alle Bereiche gelten, nicht nur für die Kirche." Eine vergleichbare Aufarbeitung oder Prävention wie bei den Kirchen gebe es sonst nicht, sagte er.
Marx sagte, es gehe ihm "durchwachsen", so sei auch die Bilanz seines Arbeitsjahres: "Ich glaube, es geht vielen so; jeder hat seine persönliche Geschichte". Der Münchner Erzbischof blickte auch auf den Krieg in der Ukraine und sagte, es gebe zwar eine gerechte Verteidigung, aber "keinen gerechten Krieg". Krieg sei immer "eine Niederlage der Menschlichkeit". Man sollte "nicht in eine Rhetorik verfallen", die den Schrecken eines Krieges "nicht gerecht werden": "Jeden Tag sterben in diesem Krieg Unschuldige, jeden Tag", betonte Marx.
Sorge bereite ihm auch die Polarisierung und drohende Spaltung der Gesellschaft. Die liberale Demokratie sei von zwei Seiten unter Druck, betonte Marx. Da seien zum einen die autoritären Kräfte am rechten Rand, die bis zum Kriegsbeginn auch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin sympathisiert hätten. Zum anderen seien es die radikalen Klimaschützer. "Man sollte sich nicht selbst zur letzten Generation erklären", erläuterte Marx: "Alles, was wir an Protesten sehen, sollte im Rahmen des Rechtsstaates stattfinden."