Stuttgart, Hannover (epd). Im ersten Corona-Jahr 2020 mussten laut einer Hochrechnung der KKH Kaufmännischen Krankenkasse 760.000 Menschen in Bayern wegen ihres Tabakkonsums medizinisch behandelt werden. Im Vergleich zu 2010 sei das ein Plus von rund 71 Prozent, teilte die KKH am Montag in Hannover mit. Die Betroffenen mussten behandelt werden wegen Tabakabhängigkeit, Entzugserscheinungen, eines akuten Tabakrausches oder psychischer Probleme aufgrund ihres Tabakkonsums. Zum Weltnichtrauchertag (31. Mai) wertete die Krankenkasse anonymisierte Daten ihrer rund 1,6 Millionen Versicherten aus und rechnete sie auf die Gesamtbevölkerung hoch.
Im Ländervergleich liegt Bayern damit im Mittelfeld. Am kritischsten sei die Lage in Thüringen: Dort sei der Anteil der Exzessiv-Raucher um 140,5 Prozent gestiegen. Das geringste Plus verzeichnet die KKH hingegen mit rund 45 Prozent im Saarland. Und dennoch: Nach Einschätzung der KKH dürfte die Dunkelziffer weitaus höher sein, denn die Daten erfassten nur ärztlich diagnostizierten Tabakmissbrauch.
Bedenklich sei auch, dass laut der Langzeitstudie "Deutsche Befragung zum Rauchverhalten" (Debra) der Anteil der Raucher während der Pandemie wieder gestiegen sei. Aktuell greife fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren zu Tabakwaren. "Es ist möglich, dass einige Ex-Raucher in der Krise rückfällig geworden sind", sagte der Experte für Suchtfragen bei der KKH, Michael Falkenstein. Gründe seien Ängste, Frust und Einsamkeit. Auch könnten Berufstätige im Homeoffice ungehemmter zur Zigarette greifen als im Büro.
Während der Pandemie seien zudem zahlreiche Hilfsangebote vorübergehend eingestellt worden. Menschen, die wegen ihrer Sucht bereits in Therapie waren, fühlten sich im Stich gelassen, sagte Falkenstein. Aufhören lohne sich aber in jedem Alter, betont die Krankenkasse: Selbst wer erst als über 60-Jähriger auf Zigaretten verzichte, senke das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits innerhalb weniger Jahre erheblich.