München (epd). Die "größte Enttäuschung" im Koalitionsvertrag der Ampelparteien ist für VdK-Präsidentin Verena Bentele, dass der Einstieg in ein Sozialversicherungssystem für alle "wieder einmal verpasst" worden sei. Der Einstieg in die Pflegevollversicherung sei versäumt worden, das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung bleibe bestehen, genauso wie das Beamtenpensionssystem, sagte Bentele am Mittwoch bei der Jahrespressekonferenz des VdK in München. Durch die Corona-Krise wachse die soziale Kluft weiter, sagte VdK-Landesgeschäftsführer Michael Pausder und wies darauf hin, dass gerade im Bereich Altersarmut Bayern seit Jahren negativer Spitzenreiter sei.

2020 seien 17,5 Prozent der Männer und 23,8 Prozent der Frauen in Bayern von Altersarmut betroffen gewesen. Eine bayerische Männerdurchschnittsrente betrage 1.265 Euro, die einer Frau 765 Euro. Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts liege die Armutsgefährdungsschwelle in Bayern bei einem Einkommen von 1.212 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt. "Es braucht nicht viel Phantasie, was das für die Armutssituation einer alleinstehenden bayerischen Rentnerin bedeutet," sagte Pausder. Angesichts der hohen Inflation forderte er: "Die Rente muss zum Leben reichen." Die gesetzliche Rente müsse nach Auffassung des VdK eine Basisabsicherung für alle gewährleisten.

Der VdK sieht auch Gutes beim Blick in den Koalitionsvertrag. So werde es keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben, sagte Bentele. Auch die Sicherung des Rentenniveaus sei ein Erfolg, wobei sich der Sozialverband 53 Prozent statt der bisher gesicherten 48 Prozent wünschen würde. Dass Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente geplant sind, sei ein "längst überfälliger Schritt" und würde "vielen unserer VdK-Mitgliedern zugutekommen". Viele gesundheitlich beeinträchtigte und schwerbehinderte Menschen kämen wegen der hohen Abschläge kaum auf 900 Euro Rente. Erfreulich seien die Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro und die Einführung einer Kindergrundsicherung. Abzuwarten bleibe die Umsetzung des geplanten Bürgergeldes.

Der VdK gewinnt seit Beginn der Corona-Krise neue Mitglieder. In Bayern seien letztes Jahr 17.000 Neumitglieder dazugekommen. Laut Pausder hat während der Pandemie vor allem der Wegfall von Minijobs, Kurzarbeit und das Wegbrechen von Aufträgen für Selbstständige für einen erhöhten Beratungsbedarf gesorgt. Etwa 330.000 Beratungen seien 2021 geführt worden, das sind 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr. "Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auch im zweiten Corona-Jahr für die VdK-Mitglieder an jedem einzelnen Tag da waren", sagte er. Dies unterscheide den VdK "nebenbei bemerkt von einigen Behörden und Sozialversicherungsträgern", die seit Beginn der Pandemie häufig schlecht erreichbar seien.