München (epd). Das vergangenen Donnerstag vorgestellte unabhängige Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising schlägt weiterhin hohe Wellen: Am Dienstag entschuldigte sich der frühere Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter für sein "unangemessenes und objektiv falsches Verhalten" während seiner Dienstzeit zwischen 1982 und 2007. Die 27 deutschen Bischöfe zeigten sich "tief erschüttert" über das Münchner Gutachten. Ein Missbrauchs-Betroffener hatte dem amtierenden Erzbischof Kardinal Reinhard Marx unterdessen "fehlende Hirtensorge" vorgeworfen.
Kardinal Wetter ließ am Dienstag zwei Mitteilungen über die Pressestelle des Erzbistums an die Medien verbreiten: Darin entschuldigte sich Wetter zum einen für sein Verhalten - vor allem mit Blick auf den Fall des Priesters H., in den auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. verwickelt ist. Seiner Verantwortung zum Schutz der Kinder und Jugendlichen sei er damals "nicht in dem notwendigen Maß gerecht geworden", dies erfülle ihn "mit Scham und Trauer". Zugleich wies er die Anschuldigung zurück, sich in 21 Fällen falsch verhalten zu haben. Er komme "zu einem anderen Ergebnis".
Die 27 katholischen Diözesanbischöfe in Deutschland kündigten an, die Aufarbeitung eigener Schuld an der Vertuschung von Missbrauchstaten in der Kirche fortzusetzen. "Verbrechen und mangelnde Verantwortung werden aufgeklärt, auch wenn der Prozess schmerzhaft ist", so eine Erklärung des Ständigen Rates der katholischen Deutschen Bischofskonferenz vom Dienstag. Um der Wahrheit Willen sei es notwendig, dass "wir Bischöfe uns der Verantwortung stellen, die uns und unsere Vorgänger im Wesentlichen alle gleich betrifft", heißt es in der Erklärung der Bischöfe weiter.
Unterdessen hat sich der Passauer Bischof Stefan Oster verwundert über die Erklärung des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zum Missbrauchsgutachten geäußert. "Ich frage mich natürlich, wie diese 82-seitige Stellungnahme, die seine Unterschrift trägt, entstanden ist", sagte Oster der "Passauer Neuen Presse" (Dienstag). Benedikt hatte am Montag seine Stellungnahme in einem Punkt revidiert. So will er im Januar 1980 nun doch an einer Sitzung im Fall H. teilgenommen haben. Dass dies in seiner Stellungnahme zunächst anders dargestellt wurde, sei ein redaktioneller Fehler.
Der selbst vom Missbrauch Betroffene und Mitglied des Betroffenenbeirats in der Erzdiözese München und Freising, Richard Kick, warf dem amtierenden Erzbischof Marx vor, dieser habe seinen "Glauben und das Vertrauen in die Institution Kirche" durch "fehlende Hirtensorge" und "moralische Versäumnisse" zerstört. Kick bezieht sich in seinem Brief auf ein persönliches Gespräch mit Marx aus dem Jahr 2010, nachdem das erste Missbrauchsgutachten der Erzdiözese erschien. Kick forderte für betroffene von der Kirche eine angemessene finanzielle Entschädigung für erfahrenes Leid.
Der medienpolitische Sprecher der bayerischen FDP-Landtagsfraktion, Helmut Markwort, rückte derweil am Dienstag eine weitere Person namentlich ins öffentliche Blickfeld: Prälat Lorenz Wolf, seit 1997 Offizial der Erzdiözese und derzeit Vorsitzender des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks (BR). Der ehemalige "Focus"-Chefredakteur Markwort bezeichnete Wolf als eine "zentrale Figur" im Missbrauchs-Sumpf. Er forderte Prälat Wolfs Rücktritt von seiner BR-Funktion, dafür fehle diesem "der notwendige Charakter und die Glaubwürdigkeit, die die Gebührenzahler verlangen können".
Dem vergangene Woche von der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) vorgestellten Gutachten zufolge gab es von 1945 bis 2019 Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt im Erzbistum München und Freising. Die meisten Taten passierten von Anfang der 1960er bis Mitte der 1970er-Jahre. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. wird vorgeworfen, als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen nicht ausreichend gegen Täter vorgegangen zu sein. Benedikt bestreitet die Vorwürfe. Kardinal Marx will sich am Donnerstag erstmals zum Inhalt des Gutachtens äußern.