München (epd). Das Münchner Missbrauchsgutachten hat zu einer ersten vorläufigen personellen Konsequenz geführt: Der Offizial des Erzbistums München und Freising, Prälat Lorenz Wolf, lässt vorerst "alle seine Ämter und Aufgaben ruhen", sagte der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx am Donnerstag bei seiner inhaltlichen Stellungnahme zu dem vor einer Woche vorgestellten Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW). Wolf gilt mit seinen vielen Ämtern und Aufgaben als einer der mächtigsten leitenden katholischen Kirchenmänner in Bayern.

Marx sagte, er habe Prälat Wolf, der "im Gutachten stark kritisiert wird", geschrieben. "Er hat mir mitgeteilt, dass er alle seine Ämter und Aufgaben ruhen lassen will. Damit bin ich einverstanden. Er will zu gegebener Zeit Stellung nehmen", erläuterte der Erzbischof. Bezüglich weiterer personeller Konsequenzen sagte Marx, jeder Verantwortungsträger sollte auf die Erkenntnisse schauen und sich fragen: "Was habe ich persönlich zu verantworten? Worin besteht mein Versagen? Wo habe ich mich schuldig gemacht? Welche Konsequenzen muss ich ziehen, und was kann ich besser machen?"

Seit Tagen steht Prälat Lorenz Wolf öffentlich in der Kritik. Das Gutachten der Münchner Kanzlei hatte den Theologen und Juristen schwer belastet. Er soll in seinen Ämtern und Funktionen wesentlich dazu beigetragen haben, schwere Missbrauchsdelikte zu vertuschen und zu verharmlosen. Wolf ist als Offizial höchster Kirchenrichter im Erzbistum, zudem ist er seit 2009 Leiter des Katholischen Büros Bayern. In dieser Funktion ist er Bindeglied der katholischen Kirche zur Staatsregierung, zum Bayerischen Landtag sowie zu Verbänden und Einrichtungen aus Wirtschaft und Gesellschaft.

Besonders in den Blick geraten war Wolfs Funktion als Vorsitzender des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks (BR). Mehrere Rundfunkratsmitglieder hatten nach Veröffentlichung des Gutachtens Wolfs Rücktritt von dieser Funktion gefordert oder erwartet, etwa der medienpolitische Sprecher der bayerischen FDP-Landtagsfraktion und frühere "Focus"-Chefredakteur, Helmut Markwort. Wolf habe sich durch seine Vertuschungsarbeit dafür disqualifiziert: "Ihm fehlen der notwendige Charakter und die Glaubwürdigkeit, die die Gebührenzahler verlangen können", sagte Markwort.

Die Geschäftsstelle des BR-Rundfunkrates teilte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Donnerstag auf Anfrage mit, dass Wolf "bereits bis auf Weiteres" den Vorsitz an seinen Stellvertreter übergeben habe. Schon die nächste Sitzung des Gremiums am kommenden Donnerstag (3. Februar) soll Godehard Ruppert leiten. Ruppert hat damit auch die kommissarische Geschäftsführung des Gremiums inne. Der Präsident der Virtuellen Hochschule Bayern sitzt als Vertreter für die bayerischen Hochschulen in dem Gremium. Wolfs Mitgliedschaft im Rundfunkrat bleibe aber bestehen, hieß es.

Wolf hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert, die gegen ihn in dem Gutachten der Kanzlei WSW erhoben werden. Der Theologe und Jurist ist auf vielen Ebenen aktiv und bestens vernetzt. So ist er neben seiner Funktion als Offizial des Erzbistums und Leiter des Katholischen Büros Bayern auch Katholischer Schulkommissar im Freistaat, Domdekan in München sowie Mitglied der ARD-Gremienvorsitzendenkonferenz, des Kuratoriums der Münchner Hochschule für Philosophie, des Beirats der Akademie für politische Bildung in Tutzing und vielen Einrichtungen mehr.

Die Anwaltskanzlei WSW hatte vergangene Woche ihr unabhängiges Gutachten präsentiert. Demnach gab es im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2019 Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt im Erzbistum. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. etwa wird vorgeworfen, als Münchner Erzbischof in den Jahren 1977 bis 1982 in vier Fällen nicht ausreichend gegen Missbrauchs-Täter vorgegangen zu sein. Auch Kardinal Reinhard Marx werden Verfehlungen vorgeworfen. Er soll Missbrauchsfälle nicht nach Rom gemeldet haben.