München (epd). Das Münchner Missbrauchsgutachten ist nach Aussage von Kardinal Reinhard Marx ein "tiefer Einschnitt" für die Kirche im Erzbistum und darüber hinaus. Nach der Lektüre des Gutachtens sei er "erschüttert und erschrocken" - vor allem über das Leid der Opfer, über Täter und das Verhalten von Verantwortlichen, sagte Marx am Donnerstag bei einer Pressekonferenz, bei der er sich erstmals inhaltlich zu dem Gutachten äußerte. Er bat die Opfer "persönlich und auch im Namen des Erzbistums" erneut um Entschuldigung.

Das 1.900 Seiten starke unabhängige Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl lieferte vergangene Woche Hinweise auf mindestens 497 Opfer und 235 Täter im Erzbistum München und Freising zwischen den Jahren 1945 und 2019. "Wir sehen ein Desaster", sagte Marx. Missbrauch und Gewalt seien eine "dunkle Seite und werden fortan auch als Teil der Geschichte unseres Erzbistums sichtbar sein".

Das Missbrauchsgutachten hat inzwischen auch für eine erste personelle Konsequenz gesorgt: Prälat Lorenz Wolf, der einer der mächtigsten Männer im Erzbistum ist, wolle vorerst "alle seine Ämter und Aufgaben ruhen lassen", gab Marx bekannt. Mit Wolfs Angebot "bin ich einverstanden". Wolf wolle "zu gegebener Zeit Stellung nehmen". Der Prälat wurde im Gutachten schwer belastet, er soll in seinen Ämtern und Funktionen wesentlich dazu beigetragen haben, schwere Missbrauchsdelikte zu vertuschen und zu verharmlosen.

Lorenz Wolf ist als Offizial höchster Kirchenrichter im Erzbistum München und Freising, zudem ist er seit 2009 Leiter des Katholischen Büros Bayern. In dieser Funktion ist Wolf Bindeglied der bayerischen Erzbischöfe und Bischöfe zur Staatsregierung, zum Landtag, zu Verbänden und Einrichtungen. Zudem ist er Vorsitzender des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks.

Weitere Rücktritte gab es vorerst nicht, Marx überließ die Entscheidung dazu den Verantwortlichen selbst. Sie sollten sich überlegen, wo sie sich schuldig gemacht hätten und welche Konsequenzen zu ziehen seien. Das gelte auch für die Verantwortlichen, die im Gutachten nicht direkt namentlich genannt werden.

Über sich selbst sagte Marx, dass ihm im Gutachten Verantwortung zugeschrieben werde - "und ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen". Ein Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt hätte etwas von "sich aus dem Staub machen". Marx sagte aber auch: "Ich klebe nicht an meinem Amt." Sein Angebot des Amtsverzichts vom Mai 2021 an Papst Franziskus, dass dieser allerdings ablehnte, sei ernstgemeint gewesen. Falls er den Eindruck gewinne, dass er im Aufarbeitungsprozess ein Hindernis sein sollte, dann werde er das Gespräch mit den entsprechenden Beratungsgremien suchen und sich kritisch hinterfragen lassen, betonte Marx. "In einer synodalen Kirche werde ich diese Entscheidung nicht mehr mit mir allein ausmachen."

Zum emeritierten Papst Benedikt XVI., dem im Gutachten Fehlverhalten in vier Fällen während seiner Zeit als Münchner Erzbischof (1977-1982) vorgeworfen wird, äußerte sich Marx erst auf Nachfrage. Benedikt habe die Aufarbeitung begrüßt und wolle sich in den kommenden Tagen nochmal äußern. Er habe die Aufklärung nicht abgelehnt oder verhindert - "und das finde ich erstmal gut".

Marx kündigte zugleich an, spätestens in einem Jahr berichten zu wollen, welche konkreten Veränderungen im Erzbistum es im Zuge des Missbrauchsgutachtens gegeben habe. Außerdem soll in Zusammenarbeit mit dem Betroffenenbeirat über ein angemessenes Gedenken und Erinnern an die Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der Kirche nachgedacht werden.