München (epd). Am Donnerstag (27. Januar) will sich der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx inhaltlich zu den Ergebnissen des vergangene Woche präsentierten Missbrauchsgutachtens äußern - doch schon im Vorfeld wird scharfe Kritik an ihm geäußert. So schreibt Richard Kick, selbst Betroffener und Mitglied des Betroffenenbeirats in der Erzdiözese München und Freising, in einem am Dienstag veröffentlichten offenen Brief an Marx, dieser habe seinen "Glauben und das Vertrauen in die Institution Kirche" durch "fehlende Hirtensorge" und "moralische Versäumnisse" zerstört.
Marx, dem die Gutachter der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) selbst Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch vorhalten, hatte sich vergangenen Donnerstag "erschüttert und beschämt" gezeigt. Kick fordert Marx auf, seine "bischöfliche Hirtenaufgabe" nun wahrzunehmen: "Fassen Sie all Ihren Mut, öffnen Sie Ihr Herz und gehen Sie mit weit geöffneten Armen auf uns Betroffene zu." Darüber hinaus müsse der Münchner Erzbischof die weitaus größere Zahl von bislang unbekannten Missbrauchs-Betroffenen dazu ermutigen, sich zu melden.
Kick schreibt zudem, Marx müsse nun endlich dafür sorgen, "dass das jahrzehntelange Leid" der Betroffenen "durch eine angemessene und schnelle Entschädigungsleistung finanzieller Art" gewürdigt wird. Die bisherigen Zahlungen seien "angesichts der Taten im sakralen Kontext allenfalls als Almosen zu bezeichnen". Marx müsse nun die Grundlagen dafür schaffen, dass Betroffene, deren Familien, Kirchenbedienstete, Kirchengemeinden und Gläubige "wieder Vertrauen in ihren ureigenen christlichen Glauben finden", schreibt Kick in dem auf den 24. Januar datierten Brief.
Am vergangenen Donnerstag hatte die Kanzlei WSW ihr unabhängiges Gutachten im Auftrag des Erzbistums vorgestellt. Demnach gab es im Untersuchungszeitraum von 1945 bis 2019 insgesamt Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt im Erzbistum München und Freising. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. wird laut Gutachten vorgeworfen, als Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger (1977-1982) in vier Fällen nicht ausreichend gegen Missbrauchs-Täter vorgegangen sein. Marx soll in seiner Amtszeit Missbrauchsfälle nicht nach Rom gemeldet haben.