München (epd). In einer mehrminütigen Stellungnahme hat sich der in die Kritik geratene Prälat Lorenz Wolf erstmals zu den Vorwürfen des Münchner Missbrauchsgutachtens gegen ihn geäußert. Wolf bat am Donnerstag in der Rundfunkratssitzung des Bayerischen Rundfunks (BR) die Opfer von sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche um Verzeihung - zugleich aber verteidigte er sich auch wortreich. Das brachte ihm umgehend scharfe Kritik von anderen BR-Rundfunkräten ein.

Wolf lässt aktuell seinen Vorsitz im BR-Rundfunkrat ruhen. Sein Stellvertreter Godehard Ruppert sagte zu Beginn des öffentlichen Sitzungsteils, Wolf werde eine Stellungnahme abgeben "in der Form, wie er sie für richtig hält". Eine Aussprache werde es nicht geben. Wolf sagte zu Beginn, es sei eine "Schande, dass sexueller Missbrauch in der Kirche überhaupt geschehen ist". Er schäme sich dafür, auch selbst Schuld auf sich geladen zu haben: "Ich möchte dafür aus tiefstem Herzen um Verzeihung bitten."

Er sei Priester geworden und habe "auf eine Familiengründung verzichtet", weil er "für alle Menschen" da sein wollte, "als Helfer, als Begleiter in allen Lebenslagen, mit Empathie". Dies sei ihm beim Thema Missbrauch nicht immer gelungen. Er habe "immer dann" Schuld auf sich geladen, wenn er sich "nicht nachhaltig genug an die Seite der Opfer gestellt", Situationen falsch eingeschätzt, den richtigen Ton nicht getroffen oder Hilferufe nicht gehört habe, sagte der Geistliche in seiner Stellungnahme.

Zugleich verteidigte sich Wolf auch gegen die gegen ihn im Gutachten der Kanzlei Westphal Spilker Wastl (WSW) erhobenen Vorwürfe. Er habe entgegen der Darstellung der Rechtsanwälte sehr wohl an der Erstellung des Gutachtens mitgewirkt und Fragen "zu 20 Fällen" auf rund 140 Seiten beantwortet. Auf anwaltlichen Rat hin habe er allerdings nicht auf die sogenannten WSW-Konfrontationsschreiben reagiert. Wolf stellte klar, dass er sich von den Gutachtern in dieser Form zu Unrecht kritisiert fühlt.

Der Prälat bedauerte, dass wegen des Gutachten "Irritationen entstanden" seien, die eine konstruktive Zusammenarbeit beeinträchtigen würden. Er habe sich deshalb dazu entschieden, den Vorsitz im BR-Rundfunkrat ruhen zu lassen. Er kündigte an, an der Sitzung am Donnerstag "nicht weiter teilnehmen" und "Stand heute auch nicht für den Verwaltungsrat kandidieren" zu wollen. Er werde sich "weiter mit all meiner Kraft" dafür einsetzen, systemische Ursachen für Missbrauch in der Kirche zu bekämpfen.

Die beiden von der Grünen-Landtagsfraktion ernannten Rundfunkräte - die bereits öffentlich Wolfs Rücktritt gefordert hatten - kritisierten den Auftritt des Prälaten scharf. Sanne Kurz fühlte sich in Wolfs Stellungnahme persönlich angegriffen. Ihr Kollege Martin Runge attackierte deshalb Interims-Rundfunkratschef Ruppert dafür, dass Wolf mit seiner "Verteidigungsrede" das Gremium missbraucht und dass Ruppert dies zugelassen habe.

Der für die FDP-Landtagsfraktion entsandte Rundfunkrat und frühere "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort sagte, es sei "eine Schande, dass Lorenz Wolf der Aufforderung der FDP, sein Amt als BR-Rundfunkratsvorsitzender niederzulegen, nicht gefolgt ist". Er füge damit dem Bayerischen Rundfunk und der katholische Kirche weiter Schaden zu. Das Ansehen beider Institutionen sei beschädigt. Auch die Grünen-Rundfunkräte forderten Wolfs Rücktritt und den Verzicht auf eine Verwaltungsrats-Kandidatur.

Dem unabhängigen Gutachten der Münchner Kanzlei WSW zufolge soll Wolf in seinen Ämtern und Funktionen wesentlich dazu beigetragen haben, Missbrauchsdelikte im Erzbistum München und Freising zu vertuschen und zu verharmlosen. Am 27. Januar wurde bekannt, dass Wolf alle seine Ämter und Aufgaben ruhen lässt. Dazu zählen etwa sein Amt des Offizials (oberster Kirchenrichter), des Domdekans, des Leiters des Katholischen Büros in Bayern und der Vorsitz im BR-Rundfunkrat.