Schweigend mit Kerzen durch München gehen: Kurz nach dem dritten Jahrestag des 7. Oktober 2023 laden die "Freunde Abrahams" und das Haus der Kulturen und Religionen München am Samstag, 10. Oktober, zu einem interreligiösen Lichterweg ein. Die Veranstalter wollen dabei bewusst auf Reden, Fahnen, Schilder und politische Parolen verzichten. Es gehe darum, Fassungslosigkeit und Trauer auszudrücken und gemeinsam für Frieden einzustehen.
"Viele Leute wünschen sich eine Möglichkeit, wie man seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck bringen kann, ohne für eine Konfliktpartei Partei ergreifen zu müssen", sagt Stefan Jakob Wimmer, Professor an der Bayerischen Staatsbibliothek und Mitglied der "Freunde Abrahams", im Gespräch mit sonntagsblatt.de.
Erstmals fand der Lichterweg im November 2023 statt. Damals beteiligten sich nach Angaben der Polizei rund 500 Menschen. Seitdem wurde die Veranstaltung jährlich wiederholt. Die Teilnehmerzahlen seien zuletzt zurückgegangen, sagt Wimmer. Für die Veranstalter bleibe das Format dennoch wichtig: "Für die, die kommen, ist es wichtig, dass es dieses Format gibt. Die sind dankbar dafür, die möchten das so ausdrücken."
Keine Kundgebung, keine Parolen
Der Lichterweg versteht sich ausdrücklich als Gegenmodell zu Veranstaltungen, bei denen die Konfliktparteien und ihre jeweiligen Unterstützer im Mittelpunkt stehen. "Wir waren und sind der Meinung, dass man die Fronten nicht zwischen Israelis und Palästinensern sehen darf, sondern zwischen unschuldigen Opfern und Tätern", sagt Wimmer. Das gelte aus Sicht der Veranstalter nicht nur für den Nahostkonflikt, sondern für Kriege und Gewalt weltweit.
Deshalb soll es auch vor Ort keine politischen Reden geben. Lediglich zu Beginn wird kurz erläutert, worum es bei dem Lichterweg geht und wie er abläuft. Anschließend ziehen die Teilnehmer schweigend von der Feldherrnhalle über Ludwigstraße und Prinzregentenstraße zum Friedensengel. Dort werden die Symbole der drei abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – niedergelegt. Die Teilnehmer stellen ihre Kerzen darum herum auf.
"Das ist jedes Mal auch ein eindrucksvolles Bild", sagt Wimmer.
Der Lichterweg soll zugleich über den Nahostkonflikt hinausweisen. In der Ankündigung nennen die Veranstalter neben Israel und Palästina unter anderem die Ukraine, den Sudan, den Libanon, Iran und Jemen. "Der Israel-Palästina-Konflikt hat damals die ganze Aufmerksamkeit gekapert", sagt Wimmer. Andere Konflikte dürften darüber nicht vergessen werden.
"Religion verpflichtet zur Offenheit"
Das Motto der "Freunde Abrahams" lautet "Religion verpflichtet zur Offenheit". Es geht nach Wimmers Worten auf den Gründer des Vereins, Manfred Görg (gestorben 2012), zurück. Offenheit bedeute dabei nicht, jede Position gutzuheißen. Sie verlange vielmehr, zunächst mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
"Man muss sich anhören, man muss sich austauschen und feststellen, ob da Grenzen überschritten werden oder nicht", sagt Wimmer. Er kritisiert insbesondere eine Ausgrenzung, die aus seiner Sicht vor allem Muslime treffe. "Dieses präventive Stigmatisieren und Ausgrenzen führt nicht weiter."
Dabei gehe es ausdrücklich nicht darum, jede Position zu akzeptieren. "Wenn Antisemitismus, also wirklicher Antisemitismus im Spiel ist, dann bin ich nicht offen", sagt Wimmer. Entscheidend sei aber, nicht bereits vor einem Gespräch festzulegen, mit wem man überhaupt sprechen könne.
Wimmer sieht darin auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Muslime seien Teil der deutschen Gesellschaft und würden es bleiben. Deshalb müsse daran gearbeitet werden, dass das Zusammenleben funktioniere. "Wir müssen doch irgendwie daran arbeiten und dazu beitragen, dass das miteinander funktioniert", sagt er. Eine Politik der Ausgrenzung spiele dagegen letztlich denjenigen in die Hände, die sich von der Gesellschaft abgewandt hätten.
Interreligiös – aber ohne gemeinsame Veranstalter
Die Veranstalter haben sich bereits 2023 bewusst dagegen entschieden, den Lichterweg gemeinsam mit größeren politischen oder religiösen Gruppen zu organisieren. Zu groß sei die Gefahr gewesen, dass die Beteiligung einer bestimmten Gruppe andere vom Mitmachen abgehalten hätte.
Inzwischen wird die Veranstaltung erstmals gemeinsam mit dem Haus der Kulturen und Religionen München organisiert. Zudem werden die Mitglieder des Kuratoriums der "Freunde Abrahams" auf dem Flyer genannt. Dazu gehören unter anderem der frühere EKD-Ratsvorsitzende und ehemalige bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, die Rabbinerin Eveline Goodman-Thau und Imam Belmin Mehić.
Bedford-Strohm selbst wird am 10. Oktober allerdings nicht teilnehmen können. Er unterstütze die Veranstaltung aber, sagt Wimmer.
Für die Veranstalter ist der Lichterweg damit auch ein Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen mit unterschiedlichen religiösen und politischen Hintergründen zusammenkommen können, ohne zunächst klären zu müssen, welchem Lager sie zugerechnet werden.
"Es geht uns nicht darum, ob da jetzt sehr viele Leute kommen", sagt Wimmer. "Es wäre sehr schön, wenn das der Fall ist. Aber für die, die kommen, bieten wir es weiter an."
Lichterweg 2026
Wann: Samstag, 10. Oktober 2026, 19 Uhr
Wo: Beginn vor der Feldherrnhalle am Odeonsplatz, München
Route: Odeonsplatz – Ludwigstraße – Von-der-Tann-Straße – Prinzregentenstraße – Luitpoldbrücke – Friedensengel
Veranstalter: Freunde Abrahams e.V. und Haus der Kulturen und Religionen München e.V.
Form: Schweigemarsch mit Kerzen, keine Reden, Grußworte, Fahnen, Schilder, Parolen oder Flugblätter
Bitte mitbringen: eigene Kerze bzw. ein Licht mit Windschutz