Der rote Leuchtturm soll zur Hauptattraktion der Frankfurter Buchmesse werden: Tschechien ist Ehrengastland der Messe vom 7. bis 11. Oktober 2026 und errichtet den Turm in seinem nationalen Pavillon als Symbol für seinen Auftritt. Wie Findlinge sehen die aufblasbaren Textilien aus, die um den Leuchtturm herum eine Küstenlandschaft modellieren, passend zum Slogan "Tschechien - ein Land an der Küste." Aus dem Shakespeare-Stück "Ein Wintermärchen" ist dieses Motto entliehen, "und gleichzeitig spielt es auch mit unserer tschechischen Ironie und Selbstironie", sagt Tomás Kubicek, Literaturprofessor und Direktor des Gastland-Auftritts. Denn natürlich liegt Tschechien fernab jeglicher realen Küste.
Wie groß die literarischen Ambitionen von Tschechien anlässlich der Buchmesse sind, zeigt schon diese Zahl: Mehr als 180 tschechische Bücher wurden in den vergangenen beiden Jahren ins Deutsche übersetzt - Romane, Gedichtbände, Comics, Kinderbücher, auch Sachbücher sind dabei. Sie alle werden auf den Ständen der Verlage vorgestellt, aber auch im tschechischen Pavillon. "Die Welle des Interesses an der tschechischen Literatur ist gewaltig", sagt Martin Krafl, der das Programm rund um den Gastland-Auftritt verantwortet. Das Land präsentiert sich auf der Messe mit 75 Autorinnen und Autoren.
Leben hinter dem Eisernen Vorhang
Der rote Leuchtturm auf dem Messestand wird mittels eines Projektors immer wechselnde Zitate aus Werken tschechischer Autorinnen und Autoren an die Wände werfen. Es ist eine neue Generation tschechischer Schriftsteller, die es dort zu entdecken geben wird: "Sie knüpfen an die Erfolge der namhaften tschechischen Autoren an, die über das Leben hinter dem Eisernen Vorhang berichtet haben", erklärt Martin Krafl. Viele von ihnen kamen aus dem dissidentischen Milieu und brachten der Leserschaft ein Land näher, das zumindest den Westdeutschen weitgehend unbekannt war.
Der spätere Staatspräsident Václav Havel zum Beispiel war Schriftsteller und Dramatiker, viele seiner Werke sind mit hohen Auflagen auch auf Deutsch erschienen. Ivan Klíma, Pavel Kohout und Bohumil Hrabal wurden mit etlichen Werken auch in Deutschland verlegt, ebenso wie der später nach Frankreich emigrierte Milan Kundera. Auch an diese Autoren, die in Tschechien zu Legenden geworden sind, wird auf der Frankfurter Buchmesse erinnert.
Wilde und rasante Romane
Der bekannteste Schriftsteller aus der jungen Autoren-Generation ist Jaroslav Rudis. Er lebt sowohl in Berlin als auch in Tschechien und lässt seine wilden und rasanten Romane vor dem Hintergrund der mitteleuropäischen Geschichte spielen. Er zählt zu den Stars der zeitgenössischen tschechischen Literatur, ebenso wie Katerina Tucková, Radka Denemarková oder Dora Kaprálová. Thematisch beschäftigen sich viele der aktuellen Romane mit der jüngeren tschechischen Geschichte. Dass zum Beispiel die Vertreibung der Sudetendeutschen im Land zum gesellschaftlichen Diskussionsthema geworden ist, liegt vor allem an mehreren Büchern, die das Thema nach jahrzehntelangem Schweigen enttabuisiert haben.
Eines der viel beachteten Bücher der vergangenen Jahre stammt von Eli Benes, einem jüdischen Autor, der in seinem unlängst auf Deutsch erschienenen Titel "Unmerklicher Verlust der Einsamkeit" einen Holocaust-Überlebenden bei seiner schwierigen Rückkehr nach Prag im Jahr 1945 zum Romanhelden macht. In seinem neuen Buch, das bald auch auf Deutsch erscheinen soll, lässt er seine Protagonisten auf eine Künstliche Intelligenz treffen und stellt die Wirkung dieser Technologie auf die Gesellschaft, aber auch auf die Individuen in den Mittelpunkt.
Ausstellungen in ganz Deutschland
Mit dem Motiv "Tschechien - ein Land an der Küste" spielt auch ein weiterer tschechischer Stand auf der Buchmesse: Ein Schiffscontainer wird dort aufgebaut, in dem neue tschechische Bücher zum Blättern und Anschauen bereitliegen. "Der Container ist gewissermaßen die Kiste, in die wir die tschechische Kultur packen und auf die Reise schicken", so beschreibt es der Programmdirektor Martin Krafl.
Und diese Reise wird nicht auf dem Messegelände enden, das ist den Organisatoren wichtig: In ganz Frankfurt, aber auch den umliegenden Städten gibt es im "Jahr der tschechischen Kultur" Lesungen, Ausstellungen und Konzerte. Mit dem Samizdat, den illegal verlegten Büchern aus dem kommunistischen Untergrund, beschäftigt sich beispielsweise eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation, im Dialogmuseum gibt es "Tschechien im Dunkeln - eine sinnliche Reise in den Böhmerwald" zu erleben, das Klingspor-Museum in Offenbach stellt tschechische Buchkunst aus und im Deutschen Architekturmuseum geht es um neue tschechische Architektur. Weitere Ausstellungen in anderen deutschen und österreichischen Städten sind bis ins nächste Jahr hinein geplant.