"Crashout", "Peak" und "Ragebait" sind unter den Top 3 bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres, das am 10. Oktober gekürt wird. Judith Willberg vom Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg erklärt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), warum Jugendliche ihre eigene Sprache sprechen und warum Wörter wie "Macker" und "geil" nie vergehen.

Ragebait, Crashout, Peak - was sagen die drei finalen Wörter über das Lebensgefühl der Jugend?

Judith Willberg: Da könnte man jetzt viel hineininterpretieren. Natürlich ist es auffallend, dass die Begriffe Crashout und Ragebait sehr negativ besetzt sind und für seelische Ausnahmezustände stehen. Andererseits ist auch "Peak" unter den Top 3, also ein positiver Begriff. Genauso wie "Süper" oder "Gute Käse", die unter den Top Ten waren. Im Grunde aber folgen die Jugendlichen mit ihrer Sprache vor allem Trends. Sprache ist ein wichtiger Teil von Jugendkultur - genauso wie Mode, Musik oder bestimmte Umgangsformen. Es geht darum, einen eigenen Platz in der Welt zu finden, die Dinge anders zu machen als vorherige Generationen und sich abzugrenzen.

Zur Wahl stand dieses Jahr auch der Ausspruch "Du bist gut genug", ursprünglich ein Lied, das im Internet viral ging. Wie ist das zu erklären?

Willberg: Musiktrends sind immer ein gutes Einfallstor für Jugendsprache. Das Lied ist weltweit viral gegangen, weil es in einer besonders hohen Kopfstimme gesungen wurde und ein echter Ohrwurm war. Viele, gerade in den anglo-amerikanischen Ländern, haben den Inhalt gar nicht verstanden. Das ist also ebenso nur ein Trend, der eher zufällig ein lockereres Lebensgefühl transportiert.

Wie kommen solche Sprachtrends zustande?

Willberg: TikTok ist zurzeit ein großer Motor für die Jugendsprache. Viele Wörter kommen aus den sozialen Medien und sind Internetphänomene. Etliche Ausdrücke gelangen aber auch von einer Sprache in die andere, beispielsweise "wallah". Das Wort kommt ursprünglich aus dem Arabischen und bedeutet "bei Gott". Heute wird es eher als "echt" verwendet. Darüber hinaus geben Jugendliche Wörtern neuen Sinn. "Richtig krass, Alter!" beschreibt zum Beispiel weder das Alter noch die Person. Es ist eher wie "Oha!", "Uff!" oder "Boah!" zu verstehen. Interessant ist dabei auch die Aussprache: Manche Sprecher betonen die zweite Silbe. Daran sieht man, dass sich ein Wort ändern und eine neue Funktion bekommen kann. Derweil hat "Digga", also Kumpel, den Platz von "Alter" eingenommen.

Kritiker sprechen bei so etwas gerne von Sprachverfall. Ist das berechtigt?

Willberg: Die Klage über den Sprachverfall durch Jugendliche ist mindestens so alt wie die Jugendsprache selbst. Schon im 19. Jahrhundert wurden studentische Ausdrücke kritisch beäugt. Damals galten Wörter wie "Kneipe" oder "Moos" als problematisch. Wissenschaftlich lässt sich ein allgemeiner Verfall der deutschen Sprache aber nicht bestätigen. Jugendsprache ist kein Gegenmodell zur "richtigen" Sprache. Sie ist ein Teil des Deutschen - und ein hörbares Zeichen dafür, dass Sprache sich wandelt. Ich finde die jungen Menschen sprachlich sogar sehr kreativ: Sie passen sich mit ihrer Art zu reden stark der Situation an, sie sprechen untereinander anders als in der Schule oder mit ihren Eltern. Es gibt deshalb auch nicht die eine Jugendsprache, sondern viele, abhängig von Alter, Geschlecht, sozialer und regionaler Herkunft, Bildung, Migration sowie Situation und Gesprächspartner.

Manche Wörter wie "Fuck" oder "Lauch" wirken aber auf den ersten Blick ziemlich grenzwertig.

Willberg: Vieles, was als grenzüberschreitend oder beleidigend unter Erwachsenen gilt, gehört zum normalen Umgangston unter Jugendlichen, zum Beispiel Schimpfwörter oder vulgäre Ausdrücke. Diese Kraftausdrücke verlieren in der Jugendsprache ihre abwertende Kraft. Sie zeigen vielmehr: Wir kennen uns, wir verstehen den gleichen Humor, wir gehören zusammen. Junge Menschen nehmen damit den Ernst aus der Situation. Und natürlich brechen sie dadurch auch bewusst Tabus. Hauptsächlich nutzen Jugendliche ihre Sprache ja zur Abgrenzung von älteren Generationen und anderen sozialen Gruppen.

Andere Wörter schaffen es sogar in den Duden wie "geil", warum?

Willberg: Manche Jugendwörter kommen tatsächlich in Wellen wieder oder sind dauerhaft in die deutsche Sprache eingegangen. "Geil" ist ein gutes Beispiel dafür. Das Wort ist uralt, das gab es schon im Althochdeutschen im 8. Jahrhundert und bedeutete "überheblich". Erst viel später hat der Begriff eine sexuelle Konnotation bekommen. Als Jugendwort kam "geil" dann irgendwann wieder auf. Inzwischen ist es allgemein gebräuchlich und bedeutet sowas wie "super". Das Wort hat also eine total interessante Wandlung im Sprachgebrauch durchgemacht.

Der Begriff "Macker" aus den 1970er Jahre taucht neuerdings auch wieder auf, oder?

Willberg: Ja, das finde ich total witzig. Macker ist ein altes Wort aus dem Niederdeutschen, das aktuell in der Jugendsprache ein großes Revival erlebt und sogar zu den Top Ten gehört. Tatsächlich kommen viele Wörter aus früheren Jahrzehnten irgendwann wieder. Sie werden in der Zwischenzeit nur nicht mehr als Jugendwort wahrgenommen. Andere sind dagegen total vergessen, zum Beispiel ruft kein Mensch mehr "yolo" für "You only live once".

Ab welchem Alter wird es peinlich, im Jugendjargon zu sprechen?

Willberg: Eigentlich gibt es keine feste Altersgrenze für Jugendsprache, los geht's schon im Grundschulalter. Mit Ende der Schulzeit nimmt der Gebrauch aber schon wieder ab, weil man nicht mehr so up to date ist. Aber auch Erwachsene benutzen noch jugendsprachliche Ausdrücke - manchmal bewusst, um lockerer oder jünger zu wirken, manchmal ganz selbstverständlich, weil es zum Sprachgebrauch gehört. Ich glaube, es wird ab dem Moment problematisch, wenn Ältere und vor allem Außenstehende versuchen, sich bei der Jugend damit anzubiedern.