Normalerweise hängt der berühmte "Engelsgruß" von Veit Stoß in der Nürnberger Lorenzkirche hoch über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher. Seit Dienstag und bis zum 12. Oktober kann das Kunstwerk jedoch aus ungewohnt naher Perspektive bewundert werden: Ein Team aus Experten und Helfern hat das gewaltige Werk mit viel Kraft und Konzentration herabschweben lassen, um es zu entstauben.
Es ist still, die Spannung spürbar: Fünf Männer, zwei Restauratoren, eine Architektin und einige Helfer stehen auf dem Dachboden der Lorenzkirche, rund um eine uralte Seilwinde. Nur das Knarzen und Quietschen des historischen Holz-Konstrukts ist zu hören. An der Winde und deren eisernen Seil hängt ein echtes Schwergewicht und Kunstwerk ersten Ranges: Der "Englische Gruß" von Veit Stoß, vor rund 500 Jahren aus Lindenholz geschnitzt und bis heute das wohl bekannteste Kunstwerk Nürnbergs.
Tausend Kilo Kunst hängen wie am seidenden Faden
Tausend Kilo Kunst gilt es, langsam Richtung Kirchenboden zu bewegen. Um Maria und den Erzengel Gabriel im Rosenkranz zu restaurieren, ist die Aktion etwa alle fünf Jahre nötig. Jetzt ist der Moment gekommen: "Nun hängt es wirklich nur noch an Ihrer Kraft", flüstert Architektin Marisia Conn. Mit Schweißperlen auf der Stirn und konzentriertem Blick lässt das Team die Schnitzarbeit Stück für Stück herunter. Vier Helfer bewegen das hölzerne Zahnrad. Ein Mann bremst mit einem Balken. Eine Helferin schmiert die ächzende Winde mit Vaseline. Während der Restaurator nach dem Seil schaut, an dem das Werk nun wie an einem seidenen Faden hängt. "Es ist nicht allein das Gewicht, das auf einem lastet, sondern die Verantwortung", sagt einer der starken Männer später.
Was hier oben keiner sieht, aber die Zuschauer und vielen Fernsehteams unten im Kirchenchor umso mehr entzückt, ist wie Maria und der Erzengel Gabriel im Rosenkranz nach unten schweben. "Fast andächtig ist das", schwärmt Pfarrerin Verena Fries. Zum ersten Mal ist sie bei der Aktion dabei und hat die "halbe Nacht deshalb nicht geschlafen". Kurz hat sich das Seil verdreht, das Werk ein wenig geschaukelt. Aber "wenn es einen jetzt so anlacht, ist das durchaus ein spiritueller Moment", sagt die Touristenseelsorgerin begeistert. Wie so viele Besucher der Lorenzkirche, nämlich 750.000 im Jahr, hat sie die Skulpturengruppe von Veit Stoß immer nur aus der Ferne bestaunt. Schon als Kind hätte sie Engel, Perlen und Paradiesschlange durchs Fernglas studiert, aber nun schaut sie den Figuren quasi ins Gesicht.
Viele Kunstschätze gehen hingegen verloren
Noch näher heran, hinters Gerüst, kommt nur das Restauratoren-Team Anja Maisel und Ingo Trüper. Die beiden werden die nächsten Tage die Figuren von Schmutz und Staub befreien. "Mag sein, dass etwas Farbe abgeplatzt ist, weil das Werk in der prallen Sonne hängt", sagt Trüper. Aber ingesamt sei es in gutem Zustand, weil es regelmäßig restauriert wird. "Im Gegensatz zu so manchem anderem Kunstwerk, dass nicht so berühmt und wertgeschätzt wird", bedauert Restauratorin Maisel. Viele Kirchen hätten gar nicht mehr das Geld, um ihre Kunstschätze zu bewahren.
Auch die Lorenzkirche stemme die Restaurierung nur dank eines Spenders und erhoffe sich die nächsten Tage zusätzlich viele Besucher, die etwas zum Erhalt beisteuern, sagt Pfarrerin Fries. "Manche Betrachter verstehen ja schon gar nicht mehr, dass das wirklich ein Künstler mit Hämmerchen und Meißel erschaffen hat", erzählt Restauratorin Maisel von ihren vielen Gesprächen. "Dabei ist das ein Gesamtkunstwerk", sagt sie, "ein 500 Jahre alter Rosenkranz, der in einem Kirchenraum hängt und eine besondere Aura ausstrahlt. Jeder kann hineingehen, ob gläubig oder nicht, und es auf sich wirken lassen", betont die Kunstexpertin.
Entsprechend lädt die Lorenzkirche die nächsten Tage die ganze Stadtgesellschaft zum Staunen ein. Vom Benefizkonzert bis zur Kinderführung sei vieles geboten, sagt Pfarrerin Fries. Und erhofft sich, den Besuchern mit dem "Engelsgruß" einen unvergesslichen emotionalen Moment zu bescheren.