Ein Jahr nach dem Beginn der Beurlaubung
Ich sitze in meinem Zimmer auf Sansibar. Vor dem Fenster liegt der einladende Pool. Draußen liegen die Bar und das Restaurant, und das türkisblaue Meer erstreckt sich bis zum Horizont. Ich kann mich entspannen. Nach zehn Tagen in Tansania. Ich hatte Begegnungen in Gemeinden und habe soziale Projekte besucht. Mein Herz ist voll. Mein Kopf auch. So viele freundliche Menschen. So viel Freude. Und so viel Leid. Was wären die Menschen hier ohne den Einsatz der Kirchen? Wir waren drei Tage auf Safari. Was hatten wir für ein Glück! Die wunderbare Schöpfung, Tiere hautnah.
Vor einem Jahr wurde ich in Segringen verabschiedet. Nach 22 Jahren als Gemeindepfarrer. Es habe sich abgezeichnet, sagen die Leute. Ich habe eine Dreiviertelstelle in einer Gemeinde angenommen, mit der Regelung, dass ich eine Woche im Monat unterwegs bin. Geht das überhaupt? Ist das einer Gemeinde und einem Kollegium zumutbar? Und mir selbst? Während einer Reise schon die Beerdigungsplanung machen? Am nächsten Tag Gottesdienst, dann ins Büro?
Selbständigkeit als Pfarrer
Alles begann, als ich nach meinem Theologiestudium aus Israel zurückkehrte. Im Herbst 1999 fragte mich mein Mentor im Vikariat, ob wir eine Reise nach Israel und Palästina machen wollten. Im Mai 2000 waren wir dann dort. Es folgten etwa zwölf Reisen ins Heilige Land. Seit 1999 verbindet mich eine enge Freundschaft mit Faten aus Bet Jala bei Bethlehem und ich leide mit den Palästinensern im Gazastreifen und im Westjordanland.
Nach dem Vikariat ging ich nach München ins Collegium Oecumenicum. Ein theologisch geprägtes Studienheim. Eine gute Idee: Fünfzig Studierende aus aller Welt. Jeden Tag gab es ein Andachtsangebot. Der "Dies academicus", ein Abend pro Woche, den ich in einem Semester zum Thema Sterben vorbereitet habe, hat mir besonders gefallen. Ich habe Bestatter und eine Klinikseelsorgerin eingeladen. Dieter Hildebrandt war zu Gast. Und jedes Semester gab es eine Studienfahrt, zum Beispiel nach Amsterdam oder nach Leipzig.
Reiseleiter und Pfarrer
Im Jahr 2003 kam ich nach Dinkelsbühl-Segringen. Es war meine erste Pfarrstelle. Mein württembergischer Kollege, der nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt wohnt, war der Erste, der mich anrief. "Wollen wir eine Reise nach Israel und Palästina machen?" Klar. Danach kamen Irland und Griechenland – auf den Spuren des Apostels Paulus: wunderbar. Dann Südafrika. Irgendwann dachte ich mir: Das kannst du auch auf eigene Faust. So bin ich erst mit Freunden, dann mit Gemeindegliedern dorthin gereist, wo es mir gefallen hat. In die Wüste Sinai, nach Irland und auf den Heiligen Berg Athos, wo nur Männer erlaubt sind. Im Lauf von 20 Jahren wurde der Kreis der Mitreisenden immer größer. Die Wünsche der Reisenden waren vielfältig: Ecuador, die Azoren, Sizilien, Chemnitz und Myanmar.
Alle Reisen sind bis heute geprägt von Begegnung, Stille und Segen. Es gibt den Kontakt mit Menschen vor Ort. Morgens gibt es eine stille Zeit, ein Gebet und einen Segen. Oft gibt es stille Zeiten und stille Tage. Und wir schauen als Reisende alle in die gleiche Richtung. Wir alle wollen die Welt entdecken, Menschen verstehen und Gott in seiner Tiefe wahrnehmen. So entsteht immer eine Gemeinschaft aus einer Gruppe teils Fremder. Freundschaften halten bis heute. Wir reisen achtsam.
Schweigewochenende im Kloster
Eines Tages sagte eine Mitarbeiterin der Segringer Gemeinde: "Mein Mann ist ein Wochenende lang schweigen." Das wollte ich auch. Also meldete ich mich beim Benediktushof bei Willigis Jäger an. Er und andere wie Klaus Stüwe, Jakobus Geiger, Sr. Josefine und Gerd Neubeck wurden meine Lehrer in der Kontemplation, dem Stillegebet. Ich brauche nicht viele Worte, um mich der Gegenwart Gottes auszusetzen. Der Geist darf ruhiger werden. Der Augenblick ist unfassbar tief und weit.
Weil meine Hände bei der Übung so warm geworden waren, sagte Willigis: "Geh zu Anne." Anne Höfler lehrt das Händeauflegen. Mit Gebet und Segen. Sie hat heilsame Erfahrungen mit ihren eigenen Kindern gemacht. Das Jahrestraining bei Anne in Oy-Mittelberg war die tiefste Fortbildung meines Lebens. Wir haben viel gelacht und geweint. Ich mag es sehr, Menschen die Hände aufzulegen, denn es ist wohltuend und kann heilend wirken. Ohne Magie, ohne Versprechungen, einfach in Stille achtsam Menschen berühren, wenn sie es wünschen. Eigentlich ist es verrückt, dass Menschen es seltsam finden, wenn jemand ins Pfarrhaus geht, um sich die Hände auflegen zu lassen. Was haben wir als Kirche in den letzten Generationen lang verkopft und vergeistigt verengt gewirkt!
Aufstellungen als Job
Ein Artikel in einer Zeitschrift hat meine Neugier geweckt: "Aufstellungen aus der Stille". Bislang war ich dem Thema Familienaufstellung skeptisch gegenüber. Doch aus der Stille? Ich besuchte Harald Homberger und Ilse Kutschera und als ich Renate Wirth in Berlin traf, war mir klar: Ich mache die Weiterbildung bei ihr.
Bei Aufstellungen handelt es sich um Seelenrollenspiele zu einem bestimmten Anliegen, einem persönlichen Leiden oder einer Not. Stellvertreter gehen beispielsweise in Vertretung eines Familienangehörigen. Sobald wir beginnen, entsteht ein Feld. Und wir können wahrnehmen, was andere wahrgenommen haben. Wir sprechen nicht viel. Wir folgen den Bewegungen, wie sie kommen. Blicke und Gesten verraten alles. Abstand und Nähe zeigen innere Verhältnisse. Wir gehen einen heilsamen Schritt. Teilnehmende berichten von wundervollen Erfahrungen. Manchmal geschieht eine Veränderung sofort, manchmal braucht es Zeit: "Heute hat mein Vater angerufen und gefragt, wie es mir geht. Das hat er noch nie gemacht." Sie hatte morgens ihre Familie aufgestellt.
Reisen nach innen und außen – so nenne ich meine Tätigkeit. Ich reise mit Menschen. In Gottes schöne Welt. Sie ist wunderschön. Aus den Medien erfahren wir nicht, wie wunderbar sie ist. Meist ist sie sehr friedlich und freundlich.
Und ich reise mit Menschen nach innen. In Seminaren und bei seelsorgerischen Gesprächen. Ich lade zur Kontemplation, zum Handauflegen und zur Aufstellung ein. Und zum Coaching.
Eigentlich mache ich jetzt genau das, wofür ich Pfarrer geworden bin.
Die Anstellung als Dozent für Theologie und Religionspädagogik an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Gunzenhausen sichert mir ein kleines Festgehalt. Das Gespräch mit 20-Jährigen über Schöpfung, Islam, Tod und Sterben, Ostern und Weihnachten belebt mich sehr. Ich singe mit ihnen und übe mit ihnen Stille. Zu Beginn einer theologischen Einheit frage ich sie immer nach ihren Erfahrungen. Ich bekomme dankbare Rückmeldungen. Endlich jemand, der uns ernst nimmt.
Als Gastdozent darf ich an der Evangelischen Hochschule die "Einführung in das Kirchenjahr" unterrichten. Außerdem halte ich Vorträge zum Erwachsenwerden im Glauben. Ich bin und bleibe Theologe.
Und geistlicher Redner. Ich liebe Gottesdienste. Ich freue mich sehr darauf, nach einer halbjährigen Pause wieder einen Gottesdienst in meiner ehemaligen Gemeinde, in Dinkelsbühl oder an anderen Orten, an denen wir Seminare halten, zu leiten.
Seelsorger auf dem Schiff
Und seit März 2020 erhalten alle, die das möchten, jeden Sonntag einen Audio-Gottesdienst von mir per Nachrichtendienst. Ich weiß gar nicht, wie viele hundert Menschen ihn sonntagmorgens hören. Aber ich bekomme oft sehr schöne Rückmeldungen. Die 15 Minuten sind wie ein kleiner Gottesdienst mit Begrüßung, Stille, Gebet, Lesung, Auslegung, Fürbitten und Segen.
Als Bordseelsorger bin ich weiterhin Pfarrer. An Weihnachten geht es wieder aufs Schiff. Die Menschen sind für die Gottesdienste unendlich dankbar.
Auf der MS Altmühlsee darf ich dreimal im Jahr eine besinnliche Sonnenuntergangsfahrt leiten. Es gibt Lieder, Musik und besinnliche Gedanken im Wechsel. Es tut den Menschen gut und führt sie in die Stille. Ist das ein Modell für einen heilsamen und achtsamen Gottesdienst der Zukunft?
Ich bin bis 2028 als Pfarrer der ELKB beurlaubt. Mal sehen, was danach kommt. Ich verstehe mich weiterhin als Lehrer, Seelsorger und Pfarrer. Ich bin nah an den Menschen, gehe mit ihnen Wege, reise nach außen und innen. Vielleicht bin ich jetzt sogar näher dran an den Menschen. Die Organisation im Pfarramt habe ich nicht mehr. Dafür habe ich jetzt die Verwaltung einer Selbstständigkeit. Mit Mitarbeitenden.
Auf das monatliche Gehalt zu verzichten, braucht Mut. Irgendwann habe ich die Angst vor diesem Schritt verloren. So abgesichert zu sein, wie es die kirchlichen Beamten sind, gibt Halt und Sicherheit. Aber entspricht das einem Leben in der Nachfolge des Mannes aus Nazareth? Was würde der Wanderprediger zum Kirchenbeamtentum und zur Residenz- und Präsenzpflicht für Geistliche in der eigenen Parochie sagen? Ich danke der Kirche, dass sie mir die Möglichkeit zur Beurlaubung gibt und ich jederzeit zurückkommen kann.
Einen Rat an die Kirche nach einem Jahr Beurlaubung? Ich weiß nicht, ob er mir zusteht.
Die Kirche ist eine geistliche Gemeinschaft. Beim Kirchesein geht es zuallererst um einen inneren Weg. Es geht um einen fröhlichen, festlichen und persönlichen Gottesdienst. Es geht um annehmende Seelsorge und um echte Lehre, die sich nicht auf Religion in der Grundschule und ein bisschen Konfirmandenunterricht beschränkt.
Wir müssen die Menschen lehren, zu beten. Wir sollten ihnen sagen, wie wertvoll jedes Leben und jeder Moment ist. Wir sollten mit ihnen Wege gehen, sodass sie auf ihre Weise Gott in ihrem Leben entdecken. Alles andere ist zweitrangig und sollte immer mehr in den Hintergrund treten.
Wir sollten unser oft so personalistisches Gottesbild revidieren und erweitern. In der Kontemplation und bei mystischen Theologen habe ich gelernt, dass Gott keine Person ist. Genauer gesagt ist er weder Vater noch Mutter noch Hirte. Er ist wie ein Hirte, wie ein Vater, wie eine Mutter. Es ist immer eine symbolische Redeweise, wenn wir Gott personale Merkmale zusprechen. Das gilt insbesondere, wenn wir von Gott sprechen. "Er" ist ein Geheimnis, göttliche Kraft, Universum, Vater und Mutter. Alles und nichts. Er ist nicht greifbar und doch erfahrbar nah. Grund und Abgrund. Das sollten wir den Menschen sagen. Sonst gehen sie weg, wenn der Kinderglaube erwachsen werden will.
Doch dazu müssen wir Pfarrerinnen und Pfarrer erst einmal selbst ein angemessenes Gottesbild entwickeln und einen uns entsprechenden Gebetsstil finden. Und einüben. Täglich.
Stille heilt. Stilleübungen im Gottesdienst helfen. In Segringen haben wir 20 Jahre lang immer nach dem Eingangslied, nach der Predigt und nach den gesprochenen Fürbitten einen Moment geschwiegen. Das verändert eine Gemeinde.
Ich sitze im Hotel auf Sansibar und fühle mich weit und froh. Ich darf mit Menschen reisen. Nach außen und nach innen. Und ich darf Pfarrer sein, so wie es mir momentan entspricht. Ich fühle Dankbarkeit.
Reisen nach innen und außen
www.auf-dem-weg.info
Selbständigkeit bei evangelischen Pfarrer*innen
Warum machen sich manche evangelischen Pfarrer und Pfarrerinnen selbständig? Was bewegt sie - und wie geht die Kirche damit um? In der Woche vom 5. bis 9. Oktober werden zu unserem kleinen Themenspecial folgende drei Artikel veröffentlicht.
- Warum Pfarrer sich selbstständig machen: Interview mit Personalchef Stefan Reimers
- Selbständigkeit als Pfarrer*in: Drei Pfarrer berichten
- Vom Pfarrer zum Reiseleiter: Gastbeitrag von Markus Roth